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19.01.2026 – Traumhaftes Polarlicht und stärkster Protonensturm seit 2003!!

Was durften wir da wieder erleben – an diesem sternenklaren, kalten Montagabend im Januar 2026?! Einem X1.9-Flare mit erdgerichtetem CME am Sonntag folgte 25 Stunden später eine Polarlichtshow, die ihresgleichen sucht. Was diese Nacht so besonders machte und warum wir solch ein Event schon seit 23 Jahren nicht hatten, erfährst du in diesem Blogartikel. Ich habe die knapp zweistündige Show in Form von 360-Grad-Panoramen und Allsky-Aufnahmen dokumentiert.

Gibt es einen zweiten 10. Mai 2024?

Sonntagabend trudelten die ersten Meldungen herein: Am 18. Januar 2026 gab es kurz nach 19 Uhr einen X1.9-Flare auf der Sonne mit anschließendem erdgerichteten CME! Erfahrene Polarlichtjäger wissen, was das mit etwas Glück bedeuten kann: fantastisches Polarlicht bis weit hinunter in mittlere Breiten. Zur Erinnerung: das spektakuläre Polarlicht am 10. Mai 2024 (hier mein Blog dazu) wurde primär durch einen X1.0 Flare und CME ausgelöst, jenes am 10. Oktober 2024 durch einen X1.8 Flare und CME. Neben einem koronalen Massenauswurf (CME) war dieses Mal außerdem ein koronales Loch (CH) geoeffektiv – also ebenfalls in Richtung Erde gerichtet. Wie sich beides beeinflussen würde, das blieb abzuwarten. Spannend war es allemal, denn die Wetteraussichten waren ausnahmsweise mal gut, und das sogar in weiten Teilen Deutschlands! Sollte sich ein denkwürdiges Ereignis wie am 10. Mai 2024 (oder 10. Oktober 2024) wirklich noch einmal wiederholen in diesem 25. Sonnenzyklus, dessen Maximum laut Prognosen schon Ende 2024 erreicht war?

Am 10. Mai 2024 gab es dieses „Jahrhundertpolarlicht“ in Deutschland zu bewundern. Im Süden ist deutlich ein ‚roter Bogen mit grüner diffuser Aurora‘ zu erkennen – sogenanntes RAGDA (Red Arc with Green Diffuse Aurora).

Wann wird es losgehen?

Vermutet wurde die Ankunft des CMEs zunächst am späten Abend des 19.01. oder sogar erst in den Morgenstunden des 20.01. Da solche Prognosen jedoch immer mit Unsicherheiten behaftet sind und auf 148,5 Millionen Kilometern von der Sonne bis in Erdnähe – genauer gesagt bis zum L1-Punkt, an dem wir die Sonnenwinddaten per Satellit messen – noch viel passieren kann, hieß es am Montag zunächst abwarten. Schließlich war ja auch noch der schnelle Sonnenwind aus dem koronalen Loch unterwegs. So saß ich gespannt am Rechner, hatte meine Fototasche schon gepackt und die Akkus geladen. Ich konnte mich gar nicht recht auf die Arbeit konzentrieren – ständig kamen Nachrichtenanfragen rein, die nach dem Polarlicht am Abend fragten. Ich versuchte, meine Follower so gut es geht per Instagram- und Facebook-Stories auf dem Laufenden zu halten. Wissen konnte ich es schließlich auch nicht – aber ich beobachtete gespannt das EPAM, welches schon seit dem Nachmittag kräftig am Steigen war. Kurz vor 20 Uhr gab es dann einen plötzlichen Abfall, was in der Regel die Ankunft des CME bedeutet. Nun hieß es also, die Sonnenwind- und IMF-Daten zu beobachten, um zu wissen, wann es sich lohnen würde loszufahren. Allzu weit sollte es bei mir an diesem Abend nicht gehen, da ich am nächsten Morgen einen wichtigen Arzttermin hatte.

Der Anstieg im EPAM (hier: 19:30 Uhr) deutete die baldige Ankunft des CME an. Als kurz nach 20 Uhr dann der Bt-Wert nach oben und der Bz-Wert nach unten schossen, war es spätestens Zeit, sich auf den Weg zu machen. (Quelle: SpaceWeatherLive)

Kurz nach 20 Uhr sah ich dann den ersten nennenswerten Abfall des Bz-Wertes und gleichzeitigen Anstieg des Bt-Wertes in den Satellitendaten. Das ging doch schonmal in die richtige Richtung… und war für mich der Startschuss, mich mit meinem Nugget auf zum Fotospot zu machen. Ich hatte mich für einen unspektakulären Ort westlich von Wolfsburg entschieden, an dem ich aber hoffentlich allein sein würde und freien Blick in alle Richtungen hätte. Auch den Nugget würde ich hier fotogen platzieren können, was ich bei den letzten Polarlichtern in Deutschland nicht so wirklich geschafft hatte. Ein weiterer Blick in die SpaceWeatherLive-App verriet dann einen Abfall des Bz-Wertes auf fast -40 nT. Darauf hatte ich gewartet! Also nichts wie los!

Kleiner Hinweis in eigener Sache: Wenn dir die ganzen Begriffe gerade nichts sagen sollten, du aber gern mehr über die Polarlichtjagd in Deutschland oder im hohen Norden wissen möchtest, kann ich dir zwei Dinge ans Herz legen: In diesem kostenlosen YouTube-Video auf dem Kanal videowissen erkläre ich anhand des Beispiels des 10. Mai 2024, wie ich bei der Polarlichtjagd in Deutschland vorgehe und welche Apps ich nutze (genauso habe ich es auch dieses Mal gemacht). Sehr detailliert gebe ich meine mehr als 10-jährige Erfahrung mit der Polarlichtjagd und -fotografie in meinem fast 12-stündigen Online-Videokurs weiter. Darin erkläre ich unter anderem die sinnvolle Nutzung verschiedener Apps zur Polarlichtvorhersage an praktischen Beispielen. Auch in den Onlinekurs kannst du kostenlos hineinschnuppern.

Die Show beginnt!

Als ich gegen 20:45 Uhr am Fotospot ankam, war auf dem ersten Handy-Testbild gen Norden bereits erstes ganz zartes Glimmen zu sehen. Genügend Zeit also noch, die Kameras in Ruhe aufzubauen. Geplant war dieses Mal ein Fisheye-Zeitraffer, der automatisch laufen sollte, sowie Einzel- und Panoramaaufnahmen mit einer zweiten Kamera und einem Nodalpunktadapter. Also startete ich 21:10 Uhr den Zeitraffer an der Canon 6D mit dem Sigma 8 mm f/3.5 Fisheye und machte die ersten Testaufnahmen mit der Sony A7 IV und dem Tokina Firin 20 mm f/2. Das Timing passte perfekt, denn schon nach den ersten Aufnahmen begann es merklich rot zu werden am Nordhorizont. Es konnte also losgehen! Ich freute mich innerlich wie Bolle, und machte mich auf eine lange Nacht gefasst. Warm genug angezogen war ich hoffentlich – ich hatte mir kurzerhand die Daunenhose und -jacke geschnappt und die Heizsohlen in die Schuhe gestopft. Was im norwegischen Winter funktioniert hatte, konnte ja hier nicht verkehrt sein. Und tatsächlich war es herrlich warm, trotz leichter Minusgrade. Diese Heizsohlen* (*Amazon Affiliate-Link) sind für mich persönlich ein echter Gamechanger!

21:25 Uhr wurde es so langsam visuell rot am Nordhorizont.

Zunächst war das Polarlicht noch nicht sehr weit ausgedehnt, so dass ich die Gelegenheit für ein paar Nuggetshots und Selfies nutzte. Eine schöne Erinnerung, die mich gedanklich gleich wieder in den hohen Norden versetzt. Und in die Nacht vom 10./11.07.2020, als ich an genau diesem Ort die einmalige Kombination aus Leuchtenden Nachtwolken und dem Kometen Neowise erleben konnte!

Mehr als 2.000 Tage liegen zwischen diesen beiden besonderen Nächten! Am 11.07.2020 zeigten sich die Leuchtenden Nachtwolken am Horizont unter dem Kometen Neowise – am 19. Januar 2026 helle Polarlichter. Der Ort und der Nugget scheinen Glück zu bringen! Mittlerweile war es nun schon kurz vor 22 Uhr.

Obwohl ich nun schon mehrere Hundert Polarlichter erleben konnte, freute ich mich immer noch wie damals – als ich ganz in der Nähe im März 2015 mein allererstes Polarlicht fotografiert habe. Wahnsinn, mehr als 10 Jahre ist das nun schon her! Aber wieder hüpfte ich wie Rumpelstilzchen auf dem Feld umher und freute mich einfach auf das, was da gleich (hoffentlich) noch kommen würde. Das nun deutlich visuelle rote und grüne Polarlicht am Nordhorizont und der Blick auf die vielversprechenden Satellitendaten stimmten mich jedenfalls sehr optimistisch.

Das Rot war wirklich unglaublich. Es dehnte sich immer weiter in Richtung Zenit aus und wurde dabei immer heller und heller. Trotz mondloser Nacht hatte ich das Gefühl, gleich Zeitung lesen zu können. Es wurde also langsam Zeit für das erste Panorama…

22:13 Uhr war sowohl das rote als auch das grüne Polarlicht in Richtung Norden deutlich mit dem bloßen Auge zu sehen und bereits sehr weit ausgedehnt. Hier musste schon ein zweizeiliges Panorma her.

Auch der Zeitraffer klackerte fleißig vor sich hin (paranoid wie ich bin musste ich das ab und an mal überprüfen), so dass ich die erste Highlight-Phase dieser Nacht wunderbar im 10-Sekunden-Takt dokumentieren konnte. Das Rot erstreckte sich nun schon über den halben Himmel und es entwickelte sich ein weiterer grüner Bogen im Norden, der kurzzeitig extrem hell wurde. Das führte sogar zu einigen leicht überbelichteten Bildern:

Von 22:16 bis 22:21 Uhr gab es die ersten echten Highlights der Nacht im Fisheye-Zeitraffer zu sehen.

Parallel hielt ich das Ganze eifrig in Panoramen fest. Um eine Überbelichtung des Polarlichts zu verhindern, belichtete ich mit 1,3 Sekunden extrem kurz, bei einer Blende von f/2.0 und einer ISO von 3.200 bzw. sogar nur 1.600 im zweiten Bild:

22:16 Uhr entstand dieses einzeilige Panorama in Richtung Norden.

3 Minuten später – um 22:19 Uhr – brauchte ich dann schon zwei Zeilen und insgesamt 22 Bilder für dieses Panorama.

Ein späterer Blick in die Glendale-App (mehr zu dieser App erfährst du beispielsweise in meinem Videokurs) ließ mich übrigens kurz mal nach Luft schnappen, als ich sah, dass es kurz nach dieser ersten Highlight-Phase um 22:24 Uhr (MEZ) den mit -5504 nT stärksten jemals in dieser App erfassten Substorm gab. Wenn man bedenkt, dass es die App bereits seit 2015 gibt, schien diese Nacht wirklich etwas ganz Besonderes zu werden! Auch der Vergleich zum 10./11. Mai war in der Meldung zu finden – da waren es mehr als 1000 nT weniger. Der Wahnsinn!

Die Glendale-App verriet die ersten Rekord in dieser Nacht: Um 22:24 Uhr (MEZ) wurde der stärkste Substorm in der mittlerweile mehr als 10-jährigen Geschichte der App gemessen.

 

Auf in die nächste Runde!

Als das Grün in Zenitnähe nach wenigen Minuten wieder verschwunden war, wollte ich nun unbedingt auch mal ein spektakuläres Polarlichtpanorama mit meinem Nugget aufnehmen. In der kurzen Verschnaufpause gelang mir das dann auch um 22:32 Uhr:

Ein Traum – mein (meist) treuer Begleiter unter einem spektakulären Polarlicht. Ausnahmsweise mal nicht im hohen Norden.

Das sollte es aber noch nicht gewesen sein… Denn schon am Ende des Nuggetpanoramas begannen sich im Osten und kurz darauf auch im Westen grüne Flecken in Horizontnähe zu bilden. Diese zogen immer weiter in Richtung Südhorizont. Ich konnte es nicht glauben – grünes Polarlicht im Orion, in Deutschland, deutlich visuell! Gab es KI jetzt schon am echten Nachthimmel?! Hier mal der erste Teil dieser Show in der Allsky-Dokumentation:

Von 22:35 bis 22:42 Uhr folgte schon das nächste Highlight – grünes Polarlicht bis weit in den Süden!

Und natürlich durften auch die Panoramen nicht fehlen – hier zunächst als einzeilige 360-Grad-Panoramen, um alle Himmelsrichtungen aufs Bild zu bekommen:

22:35 Uhr: Helle grüne Flecken bilden sich im Osten und Westen über dem Horizont.

22:38 Uhr: Grünes Polarlicht stand nun komplett im Süden, mitten durch das Sternbild Orion!

Die grünen Flecken verschwanden dann jedoch auch von einer Sekunde auf die andere wieder. ‚Wow‘, dachte ich, ‚dass ich sowas noch erleben darf!‘. Aber auch das sollte es noch nicht gewesen sein. Denn schon 2,5 Minuten später ging es wieder los. Und dieses Mal wurde es noch verrückter. Die Flecken wurden größer und heller, verschwanden kurzzeitig wieder, um dann noch ausgedehnter wiederzukommen. Bis schließlich für ca. 1 Minute ein richtiger Bogen am Südhorizont zu sehen war – wie die Fisheye-Aufnahmen zeigen:

Von 22:44 bis 23:00 Uhr gab es dann das Grande Finale am Südhimmel!

Glücklicherweise war ich dank des Nodalpunktadapters und der kurzen Belichtungszeiten von 2 Sekunden schnell genug, um den für kurze Zeit ausgedehnten Bogen am Südhorizont auf eines der zweizeiligen 360-Grad-Panoramen bannen zu können. Die folgenden drei Bilder sind dabei im Zeitraum von nur 8 Minuten entstanden – wobei die angegebenen Uhrzeiten jeweils die Zeit des Bildes am Südhimmel darstellt:

22:50 Uhr: Die grünen Flecken dehnten sich langsam am Südhorizont aus, während es im Norden fast schon taghell wurde.

22:54 Uhr: Für kurze Zeit war ein fast durchgehender Bogen am Südhorizont zu sehen.

22:58 Uhr: Während der grüne Bogen im Süden wieder nachließ, wird der rote Bogen darüber jetzt deutlich sichtbar.

Puh – was war denn das? Sowas hatte ich ja noch nie erlebt! Die Lady Aurora ist doch immer wieder für eine Überraschung gut!

Danach war im Süden dann aber wirklich Schluss. Aber dafür wurde das Rot im Norden nochmal so richtig intensiv, so dass ich noch ein letztes Abschiedsbild machte, während der Zeitraffer noch immer lief.

Zum Abschluss wurde es nochmal richtig knallig rot am Nordhimmel. Das Bild entstand 23:10 Uhr.

Hat der 19. Januar den 10. Mai getoppt?

Das Rot hat dann – wenn auch etwas schwächer – noch eine ganze Weile einen großen Teil des Himmels bedeckt, aber vergleichbare Highlights konnte ich in dieser Nacht nicht mehr feststellen. So kann man abschließend feststellen, dass das Timing des Polarlichts dieses Mal wirklich nicht besser hätte sein können. Gegen 21:30 Uhr ging es langsam los, ab 22 Uhr ging ordentlich die Post am Nordhimmel und kurz darauf auch in Zenitnähe ab und ab etwa 22:30 Uhr wurde es einfach nur noch genial für eine halbe Stunde! Dadurch haben es natürlich auch viele Menschen miterleben können, im Gegensatz zum letzten stärkeren Polarlicht am 11./12. November 2025, als es erst in der zweiten Nachthälfte losging. Ich hoffe natürlich, dass ich mit meinen Meldungen bei Instagram und Facebook auch einige Menschen informieren und motivieren konnte, mal nach draußen zu gehen. Zumindest habe ich mich sehr über die Nachrichten gefreut, dass ich damit scheinbar einigen ihr erstes Polarlicht bescheren konnte.

Einen vom GFZ final bestätigen Kp-Index für diese Nacht gibt es noch nicht, aber man kann davon ausgehen, dass wir fast wieder die Kp 9 vom 10. Mai 2024 erreicht hätten (aktuell finde ich maximale Werte von 8,67 – damals hatten wir das Maximum von 9.0 erreicht). So gesehen war der 19. Januar als G4-Sturm zwar etwas schwächer als der G5-Sturm am 10. Mai 2024, aber vom subjektiven Erlebnis aus meiner Sicht vergleichbar. Ja, es war nicht ganz so schön „bunt“ am Himmel, aber dafür hatten wir 2024 auch kein so starkes grünes Polarlicht im Süden. Dazu aber gleich noch etwas mehr… Insgesamt können wir uns denke ich glücklich schätzen, dass wir so etwas in diesem Sonnenzyklus noch einmal erleben durften – zumal wir auf den 10. Mai ja auch mehr als 20 Jahre warten mussten! Bleiben wir mal neugierig, ob uns die Sonne noch einmal so eine Show beschert dieses Jahr!

Eine kleine Analyse der Nacht

Und solltest du dich etwas mehr für die Hintergründe des Polarlichts in dieser Nacht interessieren, lies am besten noch ein wenig weiter… Dabei schauen wir uns zunächst mal die Sonnenwind- und IMF-Daten dieser Nacht an. Bei solch starken Ereignissen (und einem besonderen Aspekt, auf den ich gleich noch zu sprechen komme) sind diese allerdings immer etwas mit Vorsicht zu genießen, da es auch schnell zu Messfehlern oder Ausfällen kommen kann.

Die Sonnenwind- und IMF-Daten dieser Nacht sehen durchaus beeindruckend aus – auch wenn es zu Messfehlern aufgrund der starken Aktivität gekommen sein kann. (Quelle: SpaceWeatherLive)

Aber angenommen, die Werte aus dem Archiv von SpaceWeatherLive passen einigermaßen, dann sieht man ab 19 Uhr UTC (also 20 Uhr MEZ) eine deutliche Veränderung des Magnetfelds, das mit dem Sonnenwind zur Erde getragen wird (IMF). Während die Stärke des IMF (Bt-Wert) stieg, hat sich die Ausrichtung des IMF (Bz-Wert) stark ins Negative gedreht. Diese südliche Ausrichtung war die Voraussetzung, dass sich IMF und Erdmagnetfeld optimal koppeln konnten, wodurch große Energiemengen in die Magnetosphäre eingetragen wurden und schlussendlich starkes Polarlicht entstand. Gleichzeitig ist auch die Protonendichte des Sonnenwinds stark angestiegen, was das Ganze noch begünstigt hat. Da alle Daten am L1-Punkt – 1,5 Millionen Kilometer entfernt von der Erde – gemessen werden, dauert es natürlich noch eine gewisse Zeit, bis es bei uns auf der Erde angekommen ist. Betrachtet man dies in Verbindung mit der zu Beginn noch vergleichsweise moderaten Sonnenwindgeschwindigkeit, passt der Start gegen 21:15 Uhr MEZ fast perfekt (20 Uhr MEZ wurde der Bz-Abfall am L1-Punkt gemessen). Auch die Höhepunkte zwischen 22:15 und 23:00 Uhr und das Abklingen danach passen gut zu den IMF-Daten.

Die Fisheye-Aufnahmen zeigen sehr schön, wie sich das Polarlicht in der Hochphase der Nacht entwickelt hat.

Wirklich bemerkenswert war, wie schnell der CME von der Sonne bei der Erde angekommen ist. Er hat nur etwa 25 Stunden gebraucht, was einer extremen durchschnittlichen Geschwindigkeit von etwa 1.600 – 1.700 km/s entspricht. Das erleben wir äußerst selten, allerdings wurde das Ganze vermutlich auch durch das erdgerichtete koronale Loch begünstigt. Für uns war es Glück, denn sonst hätten wir von diesem CME erst sehr spät in der Nacht etwas gehabt.

SAR-Bogen, RAGDA, IPA, Dünen-Aurora – was gab’s alles zu sehen in dieser Nacht?

Einen S4-Protonensturm gab es das letzte Mal 2003! (Quelle: SpaceWeatherLive)

„Polarlicht“ in Richtung Süden haben wir in Deutschland ja bereits am 10. Mai 2024 erleben dürfen, aber so hell und präsent war es damals bei Weitem nicht. Es handelte sich vor zwei Jahren auch primär um einen roten SAR-Bogen (was streng genommen kein Polarlicht im engeren Sinne ist) und das Phänomen RAGDA. Das sind die grünen Flecken unterhalb des roten Bogens (RAGDA bedeutet „Red Arc with Green Diffuse Aurora“), die du im Bild am Anfang dieses Blogs sehen kannst.

Einen solchen roten SAR-Bogen (SAR steht für Stable Auroral Red) sieht man auch auf vielen meiner Fisheye-Bilder und Panoramen (insbesondere das von 22:58 Uhr auf der linken Bildseite). Man kann also davon ausgehen, dass es auch am 19.01.2026 einen solchen SAR-Bogen gab. Ob die grünen Flecken, die relativ schnell erschienen und auch wieder verschwunden sind, als RAGDA einzuordnen sind, ist allerdings nicht ganz sicher. Nun bin ich bei weitem kein Experte für solche besonderen Phänomene – daher kann ich hier auch nur Mutmaßungen aufgrund meiner eigenen Recherchen und Einschätzungen anderer anstellen.

Was es aber definitiv in dieser Nacht gab, war ein starker Protonensturm – oder auch solarer Strahlungssturm genannt (engl. Solar Radiation Storm – SRS – auch bekannt als Solar Proton Event – SPE). Dieser trat ebenfalls im Zusammenhang mit dem X1.9-Flare auf und überstieg erstmals seit 2003 wieder die Grenze zu einem schweren Protonensturm (S4). Tatsächlich sind im Archiv von SpaceWeatherLive (seit 1976) nur zwei stärkere Protonenstürme aufgeführt – aus den Jahren 1991 und 1989. Der letzte S4-Sturm fand wie gesagt 2003 statt, war jedoch etwas schwächer als der jetzige am 19. Januar 2026. Ich spare mir an dieser Stelle eine lange Erklärung, verweise aber gern auf die SpaceWeatherLive-Seite dazu. Dort wird auch beschrieben, warum solche Strahlungsstürme zu Funkstörungen und Problemen bei der Messung der Sonnenwinddaten am ACE-Satelliten am L1-Punkt führen können (Anmerkung: Im Sommer 2025 gab es aufgrund eines Softwarefehlers einen längeren Ausfall des DSCOVR-Satelliten. Offenbar ist er aber seit Anfang Oktober wieder in Betrieb. Aktuell werden meist die Daten beider Satelliten kombiniert, um die Vorhersagegenauigkeit während des aktuellen solaren Maximums zu erhöhen. Ansonsten sind sie jeweils Backup des anderen, sollte es zu kurzfristigen Ausfällen kommen.)

Aufgrund des außergewöhnlich starken Protonensturms am 19.01.2026 liegt es nahe, dass es in dieser Nacht neben dem klassischen Elektronen-Polarlicht auch sogenannte Intense Proton Aurora (IPA) zu sehen gab – ein seltenes Protonen-Polarlicht. Von der Erscheinung her passen die grünen, diffusen Flecken/Blasen/Flächen, die teilweise bis in südliche Richtung zu sehen waren, eher zur IPA als zum RAGDA, was ja in der Regel an einen ruhigen roten Bogen gekoppelt ist. Vielleicht war es auch eine Mischung aus beidem, denn in einigen meiner Bilder ist der rote Bogen ja durchaus auch zu erkennen (z.B. 22:38 und 22:58 Uhr). Ein weiterer Hinweis in Richtung IPA ist der in dieser Nacht sehr niedrige Dst-Index, der auf einen außergewöhnlich starken Ringstrom (der Erde, in ca. 10.000 – 30.000 km Entfernung) hindeutet. Vereinfacht gesagt handelt es sich dabei um eine Zone energiereicher Protonen, die dort gefangen sind. Unter bestimmten Bedingungen, wie sie auch am Abend des 19.1. herrschten, können spezielle Plasmawellen entstehen – sogenannte EMIC-Wellen. Diese können wiederum dazu führen, dass Protonen aus dem Ringstrom aus ihrer stabilen Bahn geraten und entlang der Magnetfeldlinien in Richtung Erde gestreut werden. Gelangen diese Protonen in die obere Atmosphäre, verlieren sie dort ihre magnetische Führung und verteilen sich daher breit. Schlussendlich werden dadurch (vereinfacht gesagt) in etwa 110-120 km Sauerstoffatome zum Leuchten angeregt, was zu dem grünen diffusen Leuchten führt. Auch wenn sich vermutlich nicht mit absoluter Sicherheit sagen lässt, ob es sich am 19.1. tatsächlich um eine Intense Proton Aurora handelte, passt dieses Szenario gut zum beobachteten Erscheinungsbild und zur insgesamt extremen Kombination aus starkem geomagnetischem Sturm, sehr niedrigem Dst-Index und außergewöhnlich intensivem Protonensturm.

Und damit nicht genug – es gab sogar noch eine weitere besondere Form des Polarlichts in dieser Nacht. Die sogenannte Dünen-Aurora (Dune Aurora) wurde erst 2018 in Finnland entdeckt und stellt sich als wellenartige, parallele Streifen dar, die an Sanddünen erinnern. In meinen Bildern musste ich schon sehr genau hinschauen, um hier fündig zu werden. Etwa 23:13 Uhr konnte ich allerdings dieses Foto entdecken, bei dem die leichten Wellen im grünen Polarlicht nach Norden am besten zu erkennen sind. Auch im Panorama um 23:10 Uhr (siehe oben) kann man es schwach sehen.

Dieser Bildausschnitt von 23:13 Uhr zeigt schwache Dünen-Aurora über dem Dach des Nuggets.

Die Nacht des 19.01.2026 war daher in vielerlei Hinsicht etwas ganz Besonderes! Ich werde sie zumindest so schnell nicht vergessen…

 

Und nun interessiert mich natürlich, ob und wie du diese Nacht erlebt hast? Hast du das Polarlicht sehen und vielleicht sogar fotografieren können? Wie hast du davon erfahren? Und helfen dir Blogs wie diese, meine Meldungen bei Instagram, mein Video oder mein Videokurs, dich auf zukünftige Ereignisse vorzubereiten? Das würde mich persönlich sehr freuen, denn darin steckt nicht nur viel Arbeit und Zeit, sondern auch jede Menge Herzblut. Ich freue mich daher über einen Kommentar von dir! Auch Experten und Expertinnen sind natürlich herzlich eingeladen, meine Bilder zu analysieren und ihre Meinung zu den aufgetretenen Phänomenen abzugeben!

Danke!

An dieser Stelle möchte ich mich besonders bei Kai Otte bedanken. Er ist u.a. Gruppenexperte in der Facebook-Gruppe „Polarlichtjäger“ und postet dort regelmäßig seine sehr fundierten CME-Watches – eine sehr gute Quelle, um sich auf Events wie das am 19.1. vorzubereiten! Durch ihn habe ich tatsächlich das erste Mal von IPA gehört (man lernt ja nie aus!) und er war so nett, sich auch meine Bilder und diesen Blog hier einmal anzuschauen und mir noch ein paar Hintergründe zu erklären. So ein Austausch macht doch wirklich Spaß! Danke auch an Andy Eichner, mit dem ich ebenfalls begeistert über den Abend des 19.01. diskutiert habe (er hat das Ganze in der Nähe von Leipzig erlebt). Und natürlich danke an alle, die mir so ein tolles Feedback gegeben haben und mir sehr emotional über ihre erste Polarlichtsichtung berichtet haben. Da geht mir doch wirklich das Herz auf!

2 Kommentare
  1. Uwe Pomowski sagte:

    Hallo Katja,
    was für eine atemberaubende Nacht! Meine Frau und ich hatten es nach den sich überschlagenden Meldungen in der Glendale App gerade noch zur rechten Zeit geschafft, Freunde zu alarmieren und dann per Rad meine Lieblingsposition am Tollensesee zu erreichen, bevor das Spektakel so richtig Fahrt aufnahm. Dort hat man eine gute 180° Sicht auf den üblicherweise spannenden Bereich des Himmels und einen netten Vordergrund. Was ich nicht geplant hatte, war, dass meine Kamera Probleme machte und ich lange auf mein Handy ausweichen musste. Ich bin aber froh, dass ich mich nicht auf meine meckernde Kamera konzentriert habe, sondern einfach das Schauspiel genossen habe.
    Bei uns den Orion in Nordlichter gehüllt zu sehen, das hätte ich nie erwartet. Die sich über den ganzen Himmel spannenden Bögen entwickelten sich teilweise in rasanter Schnelligkeit und mit großer Helligkeit. Dazu war es windstill, die Kälte gut erträglich und wir hatten den Platz für uns allein.

    Antworten
    • Katja sagte:

      Hallo Uwe, das klingt traumhaft – freut mich, dass ihr das Schauspiel erleben und auch genießen konntet. Ich war glaub ich teilweise zu sehr mit dem Fotografieren (und Nachrichtenbeantworten) beschäftigt, um alles wirklich visuell aufzusaugen. Aber es war definitiv eine unvergessliche Nacht! Ich hoffe, deine Kamera hat keine dauerhaften Probleme. Die nächste Polarlichtnacht kommt bestimmt 😉
      LG, Katja

      Antworten

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